1. Die Situation der Kinder in der heutigen Gesellschaft

Leider ist der weitere Werdegang der jungen Mitbürger schon mit dem Erreichen des Kindergartenalters geprägt von Interessenskonflikten, die eine entspannte Kinderzeit kaum noch zulassen. Betroffen sind die Eltern, vornehmlich die Mütter, von denen die Gesellschaft verlangt, möglichst schnell wieder in den Beruf einzusteigen, damit der Ausbildungsstand nicht verloren geht. Die Mütter fordern mit Recht mehr Ganztagskindergärten, um den beruflichen Ansprüchen gerecht werden zu können. Die Politiker streiten um die Finanzierung eines solchen Systems und die Erzieher ringen um die richtigen Inhalte der Erziehung zur rechten Zeit. Dabei kommt vieles durcheinander. So werden in dem einen Kindergarten unserer Stadt mit gutem pädagogischen Ansatz Fünfjährigen die ersten englischen Vokabeln näher gebracht, während zwei Jahre später die Grundschullehrerin bei 50 Prozent der Schüler fehlende Grundkenntnisse in der Muttersprache beklagen muss.

Auf der Strecke bleiben die Kinder, die von ihren Eltern aus schlechtem Gewissen überhäuft werden mit übertriebener Sorge und kleinen und größeren „materiellen“ Geschenken, die eher über fehlende Zuwendung hinwegtrösten sollen, denn als Prämie für besondere Leistungen gelten.

Zwei Beispiele und wenige Zahlen, die eine Entwicklung beschreiben, welche die Krise unseres Erziehungssystems besser beschreiben als PISA und andere Leistungstests:

  1. 40% der Schulanfänger sind inzwischen übergewichtig, 5% bereits leiden bereits unter krankhafter Fettsucht mit allen Folgeerscheinungen wie Zuckerkrankheit und Bluthochdruck, die wir von der erwachsenen Bevölkerung kennen. Leider wächst sich das nicht mehr zurecht, denn 80% der Kinder, die im Alter von 10- 13 Jahren übergewichtig sind, bleiben dies ein Leben lang.
  2. Aus den Musterungsuntersuchungen der Bundeswehr wissen wir, dass 60% der gerade ausgewachsenen jungen Männer bereits erkennbare Schäden an Rücken oder Gelenken haben. Das Handwerk klagt, dass die Auszubildenden keine Säcke mehr tragen können. Die Muskulatur ist nicht mehr ausreichend ausgebildet, um Lasten zu heben.
    Man ist geneigt, die gute alte Zeit zu beschwören, in der es angeblich alles besser war. Und in der Tat können wir Veränderungen erkennen, die wir zunächst als Fortschritte bezeichnen würden: So betrug der Schulweg eines Kindes, das dieses laufen musste, im Jahre 1920 im Durchschnitt zehn Kilometer. Heute ist die Strecke, die ein Kind selbstständig geht, weniger als 500 Meter bis zum Klassenraum. An manchen Regentagen eher noch weniger. Die Bewegung, die damals mangels Möglichkeiten zwangsläufig zu Energieverbrennung und Muskelaufbau beigetragen hat, wird den Kindern heute dank Auto und Bus vorenthalten. Stattdessen wird lieber in Zeit am Fernsehen und PC investiert. Zeit, die für die altersgerechte Entwicklung des Kindes fehlt.

Sicher, „früher“ war bei weitem nicht alles besser. Und wir sollten die Fortschritte, die unsere Gesellschaft errungen hat, nicht verteufeln. Es ging uns noch nie so gut, bei all den beklagenswerten Missständen, die wir jeden Tag in den Nachrichten dargestellt bekommen. Wir haben ein Überangebot an hochwertiger Nahrung, nach der sich die Menschen vor 50 Jahren gesehnt haben. Unsere Bildungschancen sind trotz Lehrstellenknappheit und PISA-Test besser als je zuvor. Für die Gestaltung unserer Freizeit gibt es Angebote, von denen haben die Eltern der heutigen Kinder in ihrer Kindheit noch nicht mal träumen können. Und die so genannten „neuen Technologien“ wie PC, DVD, Telekommunikation haben viele gute Möglichkeiten geschaffen, unser Leben zu vereinfachen. Können Sie sich noch an die Zeit erinnern, als Sie passendes Kleingeld und eine freie Telefonzelle suchen mussten, um von unterwegs nach Hause anzurufen? Das ist erst ein paar Jahre her!

Aber in dieser rasanten Entwicklung unserer Zeit haben wir eines unberücksichtigt gelassen: Unser Körper ist in seiner Anlage und Ausstattung und in seinen Bedürfnissen nach wie vor identisch mit dem Körper eines Steinzeitmenschen. Unsere Gene, die uns die Voraussetzung für unser Leben auf diesem Planeten geben, haben sich (noch) nicht an die „neue Zeit“ angepasst. Sie sind ausgerichtet auf eine Welt, in der es Magenknurren gab und die Strecke, die zu Fuß bis zum nächsten „Supermarkt“ zurückgelegt werden musste, in dem man den Magen füllen konnte, oft genauso viel Energie kostete, wie die gewonnenen Mahlzeit hergab.

Das vielfältige Nahrungsangebot macht alleine nicht dick, sondern ein ungesunder Lebensstil - insbesondere mangelnde Bewegung - lässt uns immer dicker werden. Die fehlende körperliche Aktivität verhindert die Ausbildung kräftiger Muskeln und lässt uns immer schwächer werden. Beide Komponenten zusammen, Übergewicht und schwache Muskeln, sind der Anfang eines Teufelskreises, der den Erwachsenen, die in ihrer Jugend noch andere Zeiten erlebt haben, schon große Schwierigkeiten macht. Wie viel schwerer ist es für einen wachsenden Organismus diese Fehlentwicklung ohne dauerhaften Schaden zu überstehen.

Erste Hinweise aus der Medizin erstaunen die Fachwelt. So werden zunehmend schon bei Kindern Verschleisserkrankungen festgestellt, die früher eigentlich älteren Mitbürgern vorbehalten waren wie Bluthochdruck, Gefäßverkalkungen, Zuckerkrankheit, Bandscheibenvorfälle. Deswegen spekulieren schon einige Wissenschaftler, dass die Lebenserwartung der Deutschen, die eigentlich aufgrund des Fortschrittes in der Medizin weiter wachsen könnte, aufgrund dieser Ereignisse in der Generation der jetzigen Kinder wieder absinken wird.

Doch können wir diese Entwicklung korrigieren und auch in unserer Zeit mit geringem Aufwand und wenigen „Spielregeln“ den kleinen Erdenbewohnern die entscheidende Grundlage für eine stabile und belastbare Gesundheit vermitteln! Davon soll dieses Kapitel handeln.

Es lohnt sich immer, die Kinder in dem Aufbau ihrer körperlichen Fitness zu unterstützen. Denn auch die geistige Entfaltung des jungen Menschen wird maßgeblich davon beeinflusst. Konzentrationsfähigkeit und Auffassungsgabe – die Grundvoraussetzungen für Lernen – eignet sich das Kind am einfachsten im Spiel und Sport an. Selbst konkrete Lernschwierigkeiten können mit Unterstützung eines Sportprogramms leichter behoben werden. In einem berühmt gewordenen Schulversuch in New York wurden Schüler mit Schwächen in Mathematik in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine erhielt ein halbes Jahr jeden Tag zwei Stunden Mathematik- Förderunterricht. Die andere hatte in derselben Zeit „nur“ Sport. Welche war am Ende besser? Sie erahnen es sicher.

Regelmäßige und an das Alter der Kinder angepasste Bewegung kann eine Menge der Schwierigkeiten, mit denen sich Eltern und Erzieher heute auseinandersetzen müssen, lindern und beheben. Aggression und Gewaltbereitschaft sind aufgestaute Energie, die nur durch körperliche Aktivität abgearbeitet werden kann. In einem Schulversuch, den Klaus Bös von der Hochschule Karlsruhe mit der Friedrich- Ebert- Schule in Bad Homburg durchgeführt hat, wurde gezeigt, dass nur eine Stunde mehr Schulsport die Gewaltausbrüche der Kinder auf dem Schulhof deutlich reduziert haben. Das Sozialverhalten der Kinder verbesserte sich, das Lernverhalten erlebte neuen Schwung.

„Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper“

Was bedeutet das aber für mein Kind? Und wie kann ich meinem Kind eine gesunde körperliche und geistige Entwicklung vermitteln?